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Die Photographie
von David Nagel
Kontrolle und deren Notwendigkeit.
Das Wort setzt sich aus den griechischen Worten „jos“ und „grajw“ zusammen. Sie bedeuten übersetzt „Licht“ und „malen“. Unter Fotografie versteht man also das Malen mit Licht, und das ist sie auch.
2. Definition der Fotografie
Die Fotografie ist ein optisch-chemisches bzw. optisch-digitales Wiedergabeverfahren und beruht auf der Lichtempfindlichkeit der Halogensalze bzw. der digitalen Chips. Die Aufnahme entsteht mit Hilfe der Kamera, der Bildausschnitt wird durch den Sucher oder die Mattscheibe bestimmt. Das Gelingen der Aufnahme hängt von der richtigen Belichtung und Fokussierung ab. Bei der analogen Fotografie registriert die lichtempfindliche Bromsilbergelatineschicht (bei der Schwarzweißfotografie) die Helligkeitsunterschiede des optischen Bildes; es entsteht ein unsichtbares, entwickelbares Bild. Der Entwickler setzt die vom Licht eingeleitete Spaltung des Bromsilbers in Brom und Silber fort, das unbelichtete Silber wird vom Fixierer herausgeschwemmt. Das entstandene Negativ enthält die Helligkeitsunterschiede des Aufnahmeobjekts als silbergraue Schwärzungsunterschiede (Gradation). Bei der Farbfotografie kommen in der lichtempfindlichen Schicht Farbkoppler ins Spiel und bei der digitalen Fotografie werden Farb- und Helligkeitsdaten elektronisch-digital vom Chip an ein Speichermedium (z.B. Compakt-Flash-Karte) übermittelt.
3. Kurze historische Übersicht
Die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze wurde 1727 von J. H. Schulze entdeckt. Das erste brauchbare Lichtbildverfahren wurde von Daguerre und Niepce 1839 entwickelt. Es wird als Dagurreotypie bezeichnet. Der Engländer Maddox ersetzte 1871 die nasse Kollodiumplatte durch die Gelatine-Trockenplatte. Mit der Einführung des Rollfilms durch Eastman war durch die Handlichkeit der Schritt zur Volkstümlichkeit der Fotografie getan.
4. Der Begriff der fotografischen Kontrolle und deren Notwendigkeit
Die fotografischen Werkzeuge sind heute so hoch entwickelt, dass man fast immer ein erkennbares Bild erstellen kann. Es ist aber ein großer Unterschied zwischen einem solchen Bild und einem, das bleibenden Eindruck und Emotionen erzeugt und somit von bleibendem Gefallen ist.
Meiner Meinung nach sind solche Bilder nur unter der Anwendung der fotografischen Kontrolle zu machen. Unter ihr versteht man die Kontrolle der fotografischen Mittel wie Blende, Verschlusszeit, Brennweite, et cetera.
Grob gesagt steigt die Güte des Bildes mit der Steigerung der fotografischen Kontrolle. Machen wir uns aber, um dies verstehen zu können, erst einmal klar, was die Fotografie eigentlich ist: Übersetzt bedeutet sie, wie schon gesagt, malen mit Licht. Das Malen (im Sinne von „ein Bild malen“), da stimmen sie mir wohl alle zu, kann man nicht im Entferntesten als eine Reproduktion der Wirklichkeit bezeichnen. So ist es auch mit der Fotografie. Denn was hat z.B. ein Schwarzweißfoto noch mit der Wirklichkeit zu tun? Die Wirklichkeit ist dreidimensional und farbig, während ein Schwarzweißfoto zweidimensional ist und aus Grautönen und Schwarz und Weiß besteht. Auch bewegen sich viele Motive, während ein Schwarzweißfoto ruht. Weil also Tiefe, Farbe und Bewegung fehlen, kann man nicht von einer Reproduktion der Wirklichkeit sprechen.
Der Fotograf muss sich somit davon entfernen, die Wirklichkeit als Wirklichkeit abbilden zu wollen. Vielmehr muss er die Eigenschaften und Möglichkeiten des Mediums Fotografie ausnutzen, um den Kosmos auf eine neue, fesselnde Weise festzuhalten. Er kann also die eben genannten Eigenschaften der Wirklichkeit nicht direkt wiedergeben, wohl aber symbolisch durch Perspektive, Graustufen (bei Schwarzweißfotografien) und „Verwischen“. Hierin liegt übrigens – abgesehen von der digitalen Bildbearbeitung und „Tricks“ im Labor – die Möglichkeit der Manipulation in der Fotografie. Hier muss der Fotograf sein Wergzeug, also die Mittel der fotografischen Kontrolle, beherrschen. Diese Beherrschung macht den Profi aus.
Die räumliche Tiefe wird in Perspektive umgewandelt, also der unterschiedlichen Größe der Objekte im Bezug auf die Wirklichkeit. Dazu ein Beispiel: Stellen wir uns eine Aufnahme vor, die mit einem Weitwinkelobjektiv gemacht wurde: Objekte im Vordergrund werden größer, die im Hintergrund werden kleiner abgebildet - natürlich im Verhältnis gesehen.
Bei einer Teleaufnahme hingegen rückt der Hintergrund näher an den Vordergrund.
Der Fotograf muss sich diese Umwandlung klarmachen und sie durch die Wahl der Brennweite steuern. Auch muss er die Übertragung der Farben bedenken, sei es in die Grautöne eines Schwarzweißfilms oder in die charakteristischen Farben eines jeden Farbfilms, denn bei keinem Film werden die Farben der Wirklichkeit genau wiedergegeben: z.B. bilden manche Filme die Farben gesättigter ab.
Wenn er eine lange Verschlusszeit wählt, kann er die Bewegung, wie schon erwähnt, verwischt wiedergeben. Das ist das Mittel der Symbolisierung der Bewegung.
Ein weiterer Punkt, den wir beachten müssen, ist die Unschärfe, die hinter und vor dem fokussierten Objekt entsteht. Sie nimmt mit offenerer Blende und mit zunehmender Brennweite zu. Auch hier wird uns die Möglichkeit der fotograf-ischen Kontrolle klar, denn der Fotograf kann die Brennweite und Blende schließlich wählen. Er kann z.B. eine verträumte Stimmung erzeugen, wenn er eine Person durch eine weit geöffnete Blende und mit langer Brennweite vom Hinter- und Vordergrund isoliert, da diese im Detail nicht mehr zu erkennen sind.
Man kann somit viele Eigenschaften des Objekts durch die gezielte Wahl und Anwendung der fotografischen Mittel symbolisieren oder verändern. Der Erfolglose übersieht diese Möglichkeiten, während der Erfolgreiche mit ihnen arbeitet und immer bemüht ist, deren Anwendung zu perfektionieren.
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vgl. Andreas Feininger, Die hohe Schule der Fotografie, Econ-Verlag, 1961
5. Mittel der fotografischen Kontrolle
In der Schwarzweißfotografie kann man durch die Wahl des Films und des Filters die Übertragung der Farben in Grautöne regeln. Man kann mit einem Rotfilter das Blau im Licht extrem reduzieren, was zur Folge hat, dass z.B. bei einer Landschaftsfotografie der blaue Himmel dunkler wiedergegeben wird, weil weniger seines blaueren Lichtes den Film erreicht. Auf diese Weise wird ein bedrohlicher Himmel erzeugt.
Durch bestimmte Entwickler kann man den Kontrast, die Körnigkeit und die Schärfe beeinflussen. Es gibt die Feinkornentwickler, die ein scharfes Negativ mit einer hohen Auflösung erzeugen und die Rapidentwickler, die in kurzer Zeit - somit beliebt bei den Pressefotografen - zu einem kontrastreichen und körnigeren Negativ führen. Durch diese Möglichkeit der Beeinflussung beim Entwickeln ist meiner Meinung nach für einen BW-Fotografen die Anschaffung eines BW-Labors sehr zu empfehlen.
Hiermit habe ich die wichtigsten und häufigsten Mittel der fotografischen Kontrolle, allerdings nicht alle, genannt. Dass die Fotografie keine Reproduktion der Wirklichkeit ist, wurde jetzt wohl klar.
6. Der „Kairos“ in der Fotografie
Das griechische Wort „kairos“ bedeutet „der günstigste Augenblick“ und ist somit das passendste Wort für etwas in der Fotografie oft Unerlässliches - die Wahl des rechten Augenblicks für die Aufnahme.
Dieser Augenblick ergibt sich aus drei Faktoren.
1. Der psychologische Zeitpunkt, in dem die größte Ausdruckskraft herrscht.
2. Die Bewegung von Objekt und Fotograf, die im besten Verhältnis zueinander stehen muss.
3. Die Bedingungen von Licht, Jahreszeit und Atmosphäre müssen optimal sein.
Dass nicht immer alle drei Faktoren berücksichtigt werden können oder gar nicht alle vorhanden sind, ergibt sich nach kurzem Nachdenken.
Vielmehr gilt für bestimmte Bereiche einer der Faktoren als der wichtigste.
Das, denke ich, ist z.B. bei der Landschaftsfotografie der zweite, bei der Kriegsberichterstattung der erste, denn was nützt es mir, wenn bei einer Straßenschlacht das Licht schön ist, ich aber verpasse, wie jemandem eine Spitzhacke in den Leib gestoßen wird.
Diese Gewichtung der Faktoren muss jeder für sich herausfinden im Hinblick auf das Erreichen der besten, ausdruckstärksten Ergebnisse.
Andreas Feininger definiert das Ganze in seinem Buch „Die hohe Schule der Fotografie“ auf Seite 106 folgendermaßen:
„Das Geheimnis der Wahl des rechten Augenblicks
liegt darin, kommende Dinge vorauszusehen und
einzuplanen und bereit zu sein, wenn der entscheid-
ende Moment naht.“
7. Die Fotografie: Eine Kunst
Die Fotokunst ist in den letzten Jahren in Deutschland erst so richtig salonfähig geworden - „im Unterschied zu den USA, wo die Fotografie seit Jahrzehnten hoch geschätzt und entsprechend vermarktet wird“1. Das beweisen „Ausstellungen in Museen allerorten, Fotogalerien in jeder größeren Stadt, [und] Höchstpreise auf Auktionen“ 2.
Ein wichtiger Schritt dieser Entwicklung lieferte der Nobelpreis für Skulptur, der 1990 an das Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher verliehen wurde. Gewürdigt wurden sie für die „Heraushebung der skulpturalen Qualitäten anonymer Industriebauten“3. Bernd Becher ist Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Viele Studenten prägte er dort und viele von ihnen wurden zu Stars nicht nur der nationalen Fotokunstszene: Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struht, Alex Hütte, Candida Höfer. Das Hauptkennzeichen ihres Schaffens ist es, ein bestimmtes Thema in einem einheitlichen Stil zu fotografieren.
Ein Kontrastprogramm zur „Becher-Schule“ liefert der in London lebende Wolfgang Tillmanns. Er ist der „Perfektionist des Hingeschleuderten“. Seine Arbeiten liefern Preise zwischen 4.000 und 38.000 DM. Ich bin von seinen Werken wenig begeistert, wahrscheinlich weil ihnen die Güte und Qualität, die nur durch die fotografische Kontrolle zu erreichen ist, fehlt.
Auch manche Bank schätzt inzwischen die Fotokunst. So bereicherte die Frankfurter DG Bank ihre Räume mit Fotografien berühmter Künstler, wobei sie sich von dem Chef des Frankfurter Museums, Jean-Christophe Amann, beraten ließ.
Ich hoffe natürlich, dass diese Entwicklung weitergeht, dass sich der „Durchschnittsdeutsche“ Fotografien auch anderswo anschaut als in den Werbeblättchen der Supermarktketten.
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vgl. Susanne Boecker, Fotokunst steht hoch im Kurs, in Debitel AIRtime (Kundenmagazin),
8. Jahrgang 2001, S.10-11
8. Stellenwert der Fotografie bei der Jugend
Dass die Fotografie ein Kulturgut ist, wird mir wohl jeder abnehmen. Und dass mit dem Wort Kultur in Verbindung gebrachte Dinge meist nicht direkt von Jugendlichen sehr hoch eingeschätzt werden, findet wahrscheinlich auch bei vielen Zustimmung.
Auf die Fotografie bezogen scheint es dennoch Ausnahmen zu geben: mehr als eine handvoll Jugendlicher unter 22 nimmt jedes Jahr an dem „Jugendfotopreis“ teil, der seit 1961 vom Bundesjugendministerium ausgeschrieben wird. Im Jahre 2000 sendeten die 2152 Teilnehmer zu dem allgemeinen Wettbewerb und zu dem Sonderthema, das unter dem Motto stand „Zurück aus der Zukunft“, rund 9000 Bilder ein. Bei letzterem wurden die Jugendlichen nach ihren eigenen Vorstellungen und Prognosen zu der Zukunft gefragt. In den Bildern wurde „fröhlich [...] über Mode, Kontakte mit Außerirdischen und technische Entwicklungen spekuliert“.
Es ist bei allen positiven Inhalten jedoch gegenüber 1998, als 3000 Teilnehmer gezählt wurden, ein Rückgang zu verzeichnen. Liegt das vielleicht daran, dass „so mancher lieber nächtelang am Computer sitzt, anstatt [...] mit der Kamera loszuziehen“? „Während in der Altersgruppe bis 14 Jahre noch sehr spontane und unbefangene Dokumentationen der Lebenswelt der Kids zu sehen sind, merkt man den Fotos der 15- bis 17jährigen an, dass das erste Aufeinandertreffen eigener Bedürfnisse und der öffentlichen Vorstellung eines „guten Fotos“ verunsichert. Die 18- bis 21jährigen wissen dann wieder, was sie wollen, und dass ist im Moment häufig people-Fotografie [...]“.
Ich, nebenbei bemerkt, boykottiere diesen Wettbewerb, weil er meiner Meinung nach nur die Aussagen der Bilder bewertet, von denen wahrscheinlich die meisten nicht einmal beabsichtigt waren, dabei aber unerlässliche Werte wie Bildaufbau und eine richtige Verarbeitung (Entwicklung) völlig vernachlässigt werden und Ästhetik und künstlerische Qualität meist vergeblich zu suchen sind.
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vgl. Nina Stuhldreher, even cowgirls get the blues - Deutscher Fotojugendpreis, in FOTO-
MAGAZIN, 6. Jahrgang 2000, S. 26-32
9. Zusammenfassung und Schluss
Ich habe mich in meinen Ausführungen in erster Line darum bemüht, darzustellen, was die Fotografie im Grunde ist und worauf es beim Fotografieren ankommt. Wichtig war mir besonders, mit der allgemeinen Vorstellung aufzuräumen, dass die Fotografie „so ziemlich mit der Wirklichkeit übereinstimmt“, woraus resultiert, dass das Arbeiten mit Symbolen unerlässlich ist.
Beim Sprechen, Lesen oder Schreiben benutzen wir ständig Symbole. Das sind wir so gewohnt, und deshalb fällt es uns nicht auf. Erst der Profi z.B. im Sprechen, der Rhetoriker, macht sich wieder klar, wie notwendig das Arbeiten mit Symbolen ist und ist somit erfolgreicher und wird zum „professional“. So sollte es auch der halten, der in der Fotografie gute Fotografien und somit Erfolg anstrebt.